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Zu freien Wesen erschaffen

Gedanken zum 18. Sonntag nach Trinitatis 2019

Pfarrerin Anne Hammann

Anne Hammann, Schulpfarrerin an der Arnold-Bode-Schule, Kassel

Kürzlich bat ein junger Migrant aus Syrien um einen Gesprächstermin bei mir. Bald saßen wir uns gegenüber, und er begann, sein Herz auszuschütten.

Von Heimweh war da die Rede, von Sehnsucht nach der Familie, von dem Wunsch, endlich wieder im Leben anzukommen.

Wir sprachen auch über die Religion, und ich war überrascht, von ihm zu hören, dass er jede Religion abgelegt hatte. „Es ist zu viel Schlimmes passiert“, sagte er fast entschuldigend.

Trägt Gott die Verantwortung für das Schlimme, das zweifellos passiert? Ist er der Verursacher von Gewalt, Mord und Kriegen?

Steht er dahinter, wenn in einem individuellen Leben Schicksalsschläge ausgeteilt werden?

Ich denke, nein! Da muss man gut unterscheiden zwischen Gott und Mensch. Gott hat uns zu freien Wesen erschaffen. Menschen sind frei, Gutes zu tun oder eben auch Böses.

Es ist sicherlich ein Kurzschluss, Gott zu kündigen, weil in der Welt meistens nicht die Liebe und der Frieden regieren. Menschen sind nicht nur in der Lage, einander und ihren Mitgeschöpfen Schlimmstes anzutun, sie besitzen manchmal sogar die Unverfrorenheit, das alles angeblich im Namen Gottes zu tun.

„Abusus non tollit usum“, heißt ein altes römisches Sprichwort, das sich unter anderem in Ciceros Schriften findet. „Der Missbrauch hebt den (guten) Gebrauch nicht auf“ – könnte man übersetzen.

Auf unser Thema bezogen hieße das: Der Missbrauch der Religion darf nicht zum Anlass genommen werden, die Religion ganz abzuschaffen.

Denn Religion schenkt uns eine unverzichtbare Dimension, sie ist nicht nur „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ (Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher), sondern sie sensibilisiert uns darüber hinaus für das, was wirklich zählt im Leben, sie eröffnet die Möglichkeit der Besinnung auf das, woran unser Herz zu hängen sich wirklich lohnt.

Das alles habe ich meinem syrischen Schüler nicht gesagt, aber ich hoffe, dass er eines Tages zur Religion zurückfindet.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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