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Gedanken zum Sonntag Septuagesimae 2018

Pfarrer Christian Trappe

Christian Trappe
Pfarrer im Kirchspiel Lippoldsberg

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Verfolgt Gott die Sünden der Väter bis in die 3. und 4. Generation? (2.Mose 20,5)

Nein – aber das Leben rächt Fehler, wenn wir nicht aus ihnen lernen.

Versuch einer kurzen Geschichte der Erinnerungskultur nach ´45:

Kriegsgeneration – Verdrängung, ein natürlicher Schutzmechanismus. Ein Nicht-Zulassen des Entsetzens, weil die Ungeheuerlichkeit der Geschehenen alles weitere Leben lahmgelegt würde. Psychologisch verständlich, aber kein Verhalten, das Dauer haben kann.

Nachkriegsgeneration – konfliktreich beginnt der schwierige Prozess der Aufarbeitung. Eine wichtige Leistung, die weltweite Anerkennung gefunden hat. Aber um die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, bedurfte es auch der rebellischen Energie eines Generationenkonflikts.

Das behaftete die geschichtliche Aufarbeitung auch mit einer gewissen Selbstgerechtigkeit der Spätgeborenen, die ein Verstehen der inneren Beweggründe verhinderte.

Generation der Kriegsenkel – das Gedenken an den Holocaust ist zur pflichtschuldigen Übung geworden. Man macht das, weil es auf dem Lehrplan steht. Man kennt die schwarz-weißen Bilder, aber sie sind mittlerweile weit weg. Die NS-Geschichte ist eine Geschichte geworden. Eine gruselige Geschichte, aber sie löst bei den Nachgeborenen kein abgrundtiefes Erschrecken mehr aus.

Gleichwohl schwebt da noch immer eine Art unausgesprochener Vorwurf im Raum: Das Gefühl, man sei für all das noch mitverantwortlich – und schuldig. Diese unechten, klebrigen Schuldgefühle aber nützen niemanden.

Im Gegenteil: Sie sind der wunde Punkt unserer Erinnerungskultur. Denn Gefühle kann man nicht einfrieren; sie sind nur lebendig, wenn sie sich bewegen und verändern dürfen. Es stimmt: Auch Gefühle sind Fakten. Man darf sie nicht ignorieren, sonst laufen wir Gefahr, darüber manipuliert zu werden.

Auch Gefühle sind Fakten; aber es sind nicht die einzigen Fakten. Und sie können nicht die harten geschichtlichen Tatsachen einfach wegleugnen. Was wir im Gedenken an den Holocaust heute brauchen, ist keine Debatte über Ehre oder Schande. Sondern ein nüchterner und ernüchternder Blick auf das, was Menschen möglich ist. Einsichten in die Mechanismen autokratischer Macht und die Beweggründe der menschlichen Seele, sich diesen Mechanismen als Täter oder Opfer auszuliefern.

Es ist keine Schwäche, sondern Stärke, wenn Menschen Fehler erkennen und den Mut haben, sie zu benennen, sich daran zu erinnern. Denn Fehler rächen sich, wenn wir nicht aus ihnen lernen.

Nein, nicht Gott rächt die Sünden der Väter bis in die 3. und 4. Generation.

Und Gott wird auch nicht die endgültige Apokalypse über der Welt auslösen.

Auch das werden wir wahrscheinlich selber tun – wenn wir nicht dazulernen.

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