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Hiob - ein Leidensgenosse

Gedanken zum Volkstrauertag 2011

Pfarrer Lars Hillebold

Pfarrer Lars Hillebold
Gemeindepfarrer in Oedelsheim und Gieselwerder

Das Leiden in der Woche vor Totensonntag

"Mein Leben ist die Bühne", dozierte der seit eh und je kritische, durchaus kluge Schauspieler. Er saß im Theater und auf seiner Nase die Lesebrille. Neben ihm sein Kollege. Der wollte gar nicht mit auf die Premiere. Die gerade wohl überwundene Krankheit hatte ihn Kraft gekostet.

Müde erwiderte er: "Dein Leben ist die Bühne. Ach, weißt Du, es kommt immer auf das Theaterstück an. Was wird heute denn gespielt?" Die Lesebrille seines Nachbarn war von der Nase in den Mund gewandert. Ein leicht arrogantes Lächeln zog an seinen Mundwinkeln: "Angeblich ein bekanntes Stück. "Leben" soll es heißen. Nie davon gehört. Ein mir völlig unbekannter Autor. Leicht religiös angehaucht."

Der Vorhang wird hochgezogen: Ein gut gekleideter Mann betritt die Bühne. Hinter ihm seine Frau mit 10 Kindern. Sieht gut aus, der Mann. Er steht für Zufriedenheit und Glück. Ein sicherer Gang. Ein stilvolles Auftreten. Einer, der in sich ruht.

Fromm und auch Gerechtigkeit sind keine Fremdworte für ihn; für Hiob. Der Vorhang wandert weiter nach oben: Der Himmel tut sich auf. Über der Bühne erhebt sich eine Art Empore. Auf ihr tagt der himmlische Hofstaat mit der Versammlung der Engel.

Eine komische Figur rennt aufgeregt hin und her. Sie hüpft und zetert, meckert mal hier und meckert mal dort. An keinem lässt dieser aufgebrachte Bursche ein gutes Haar. In jeder Suppe findet er eins. Er spaltet Haare, wenn er nichts Besseres zu tun hat. Er blickt nach unten, es durchzuckt ihn ein Gedanke und ein teuflisches Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit.

"Dieser Hiob. Wollen doch mal sehen: Wenn es einem gut geht, glaubt es sich leicht an den lieben Gott. Aber wenn nicht, was dann? ‚He, Gott, sieh da, dein Hiob', ruft er hämisch. ‚Du hast - um es in deiner Sprache zu sagen - das Werk seiner Hände gesegnet. Hiob hat sich breit gemacht im Land. Geld hat er ja. Fromm ist er ja. Glück hat er ja auch. Aber wollen wir das nicht mal prüfen? Strecke deine Hand aus, Gott, und taste alles an, was er hat: Ich sage Dir, er wird dir ins Angesicht absagen!'"

Der Schauspieler hatte es früher, wo immer er konnte, betont: "Mein Leben ist die Bühne." Nun war er gestorben und stand vor der Tür, die ihn in den Himmel einlassen sollte. Sein alter Freund und Kollege wartete. Den hatte die Krankheit damals, kurz nach dem Theaterstück, besiegt.

Nun lächelte er und begrüßte den alten Weggefährten: "Mein Freund. Es ist umgekehrt. Die Bühne ist das Leben. Erinnerst Du Dich? Das Theaterstück? Es war ein bekanntes Stück Leben. Nur war es kein Theater, sondern eben Leben. Gott ist kein Schauspieler. Wir alle sind nie nur Zuschauer. Hiobsbotschaften treffen unser Leben.

Ich habe es in meiner Krankheit gerufen und gestöhnt: "Lass mich in Ruhe, Gott." Doch durch all Hiobsbotschaften erklang leise seine Botschaft: "Übersieh es nicht: In dem Stück, das Leben heißt, hab ich das letzte Wort." Dann schlug er das Buch Hiob auf und las daraus vor: "Der Herr wandte das Geschick Hiobs ... und segnete ihn fort an mehr als einst ... und lebte danach 140 Jahre ... und starb alt und lebenssatt."

Doch sein kritischer Kollege, zeternd wie eh und je, winkt ab: "Ach ich sag´s doch. Alles Theater. Nun auch noch ein kitschiges Happy End in der Bibel. Lass mich in Ruhe!"

Ein Happy End auf Erden wird nicht gedreht. Alt und lebenssatt ist eine Erfahrung, die wir nicht alle machen werden. Leben ist nicht einfach ruhig. Gott lässt nicht in Ruhe. Denn womöglich kennt Gott die zeternden, teuflisch grinsenden Haarspalter besser als wir alle.

Womöglich weiß es Gott nur zu gut: wenn er uns in Ruhe lässt, macht er denen Platz, die mit uns spielen. Die uns ausspielen gegen uns selbst und gegen Gott. Als Gott Hiob leiden lassen musste, da wird Gott geweint haben. Als Gott den Menschensohn sterben lassen musste, da wird Gott geweint haben. Als Gott, der unser Leiden sieht, weint er mit uns.

Zwei alte, weise Schauspieler schauen sich an. Sie schreiten durch die Tür in den Himmel, der sich für sie öffnet. Dann schließt sich die Tür hinter ihnen. Ein teuflisch grinsender Mann bleibt draußen stehen. Er sieht ein Schild an der Tür hängen, nimmt es in die Hand und liest: "Bitte nie mehr stören!" Das Grinsen weicht aus seinem Gesicht. Er rauft sich die Haare. Zeternd geht er seinen Weg.

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