Zufallsbilder - Landschaften im Kirchenkreis Hofgeismar

 

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Masurische Einsichten

Gedanken zum 13. Sonntag nach Trinitatis 2011

Pfr. Michael Dorhs

Pfarrer Dr. Michael Dorhs
Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar

Eine Reise in die Vergangenheit

Nein, verstanden hatte sie mich nicht. Jedenfalls nicht mit Worten. Sie konnte kein Deutsch und ich kein Polnisch. Aber ihre einladende Handbewegung war eindeutig.

Sie wusste sofort, was ich wollte - fotografieren! Offenbar war ich in ihrem Dorf nicht der erste Fremde mit diesem Anliegen. Und so schoss ich Foto um Foto - nicht von ihr, wohl aber von ihrem Haus!

Besonders ein Fensterkreuz über der Eingangstür in Form eines "H" hatte es mir angetan. "H" wie Hermann, mein Großvater! Er hatte das Haus 1913 erbaut. Und hier in Masuren war auch mein Vater mit seinen Geschwistern aufgewachsen.

31 Jahre lang hatte er hier gelebt, bis zum Januar 1945. Dann musste seine Familie fliehen vor der näher rückenden sowjetischen Front. Allerdings zu spät. Seine Eltern und seine Schwester bezahlten mit ihrem Leben dafür, dass Nazi-Deutschland den 2. Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatte.

Flucht und Vertreibung - ein Trauma für alle Überlebenden! Nicht nur aus meiner Familie. Nie wieder hat sich mein Vater besuchsweise auf den Weg in seine alte Heimat gemacht. Zu groß war der Schmerz über das, was er verloren hatte.

66 Jahre später stand ich - auch für ihn - vor seinem Elternhaus. Und ich habe den Schmerz und den Verlust nachempfinden können. Die aktuellen Bilder - in mir wurden sie überblendet von vergilbten Aufnahmen aus unserem Familienalbum.

Auf einmal sah ich sie vor mir, meine Mutter, sitzend auf dem Mäuerchen neben dem Hauseingang, meinen Vater am Brunnen auf dem Hof. Und ich verstand, wie schwer es für diese Generation gewesen sein muss, mit ihren schlimmen Erfahrungen im Gepäck weiterzuleben. Auch mit der Ignoranz von Kindern und Enkeln, die davon nichts mehr hören wollten.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung". Das war die Überzeugung von Rabbi Baal Schem Tov. Nicht verdrängen, sondern hinschauen und zuhören. Gerechtigkeit widerfahren lassen den Generationen vor uns.

Wahrnehmen und annehmen, was gewesen ist, selbst dann, wenn es wehtut. Damit wir Frieden machen können mit unserer Geschichte, der eigenen und der unseres Volkes.

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