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Gott und die Vielfalt

Gedanken zum 4. Sonntag nach Trinitatis 2011

Pfarrer Andreas Herrmann

Andreas Herrmann
Pfarrer an der Altstädter Kirche Hofgeismar und Kelze

"Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache." Mit diesem Satz beginnt die bekannte biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11, 1-9).

Häufig wird die so beschriebene Situation als ein idealer Zustand begriffen, der durch den Übermut der Menschen verloren ging. Weil diese einen Turm bauen wollten, der an den Wolken kratzt, griff Gott ein. Er verwirrte die Sprache, so dass die Menschen über die ganze Erde zerstreut wurden.

So gelesen, wäre das Eingreifen Gottes als Strafe zu verstehen. Es sträubt sich aber etwas in mir, die Vielfalt der Nationen und Völker, den Reichtum der Kulturen und die Schönheit vieler Sprachen dieser Welt als die Folge einer Strafaktion Gottes zu begreifen.

Nein! Eine Sprache für alle, eine Kultur für alle, eine Religion für alle sind keine paradiesischen Zustände, aus denen die Menschen vertrieben wurden. Denn: Sprache ist auch ein Herrschaftsinstrument. Mit Sprache wird Macht ausgeübt. Das zeigt sich u.a. an der Kolonialgeschichte. Die Kolonialmächte haben in ihren Kolonien die jeweilige Landessprache durchgesetzt: In Ghana wird Englisch gesprochen, im Togo französisch.

Zudem sind die großen Bauwerke der Antike ohne Sklavenarbeit nicht zu denken. Das Volk Israel war mehrfach in Gefangenschaft: in Ägypten, Assyrien, Babylon. Wenn wir davon ausgehen, das unterschiedliche Nationen gezwungen wurden am Turm zu Babel und an der Stadt mit zu bauen; wenn es Sklavenarbeit war, die sie zu verrichten hatten; wenn die Herrscher die Sprache Assyriens oder Babylons gesprochen haben und den Arbeitern untersagt wurde, ihre eigene Sprache zu gebrauchen, dann ist das Eingreifen Gottes und die Vielfalt keine Strafe, sondern Befreiung.

Menschen werden befreit, ihre Verschiedenheit zu leben, ihre eigene Sprache zu sprechen, ihre eigene Religion auszuüben. So verstanden kann ich dem Zeitgenossen nur zustimmen, der behauptet hat, das englische Wort für Gott, also "God", sei die Abkürzung für "generator of diversity", was nichts anderes bedeutet als "Gott ist der Ursprung der Vielfalt".

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