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Kaisers Geburtstag

Gedanken zum Sonntag Septuagesimae 2010

Pfr. Michael Dorhs

Pfarrer Dr. Michael Dorhs
Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar

Zum Holocaust-Gedenktag

Für meine Oma war er der Inbegriff der "guten alten Zeit", in der christliche Werte noch etwas galten: Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser.

Am letzten Mittwoch vor 151 Jahren wurde er geboren. Und solange Deutschland eine Monarchie war, gab's an diesem Tag sogar "schulfrei" für die Kinder.

Inzwischen denkt keiner mehr an "Kaisers Geburtstag" - und das wäre auch völlig in Ordnung, gäbe es da nicht jene unseligen Kontinuitäten, die eben nicht vergessen gehören.

Denn was kaum einer weiß: Wilhelm II. war ein gnadenloser Antisemit! Juden, das waren für ihn "Parasiten" und "Blutegel". Lange vor dem Erscheinen von Hitlers "Mein Kampf" proklamierte der Kaiser die Wahnidee einer reinen germanischen Rasse.

Deutsch-jüdische Wissenschaftler, Industrielle und Dichter trugen maßgeblich zum Aufstieg des Kaiserreichs bei - umsonst. Für Wilhelm II. blieben die Juden der "Fluch seines Landes".

Nur wenige Jahrzehnte später werden Hitler und seine Gesinnungsgenossen genauso reden - und den millionenfachen Massenmord an den Juden in die Tat umsetzen. Die wenigen Überlebenden werden im Januar 1945 von sowjetischen Soldaten in Auschwitz befreit - ausgerechnet an Kaisers Geburtstag!

Geradezu unheimlich mutet dieses Zusammentreffen im Rückblick an. Der millionenfache Judenmord ist nicht geschichtslos vom Himmel gefallen, sondern hatte auch eine Vorgeschichte. So, wie er leider auch eine Nachgeschichte hat in einem wachsenden Antisemitismus bei uns in Deutschland, der sich als maßlose Israelkritik tarnt.

Deshalb bleibt es wichtig, den Blick für unselige Kontinuitäten zu schärfen, wenn es sein muss, auch mit Hilfe von "Kaisers Geburtstag". Und in jedem Fall mit guter Theologie!

Einer, die ein Gespür dafür hat, dass wir als Christinnen und Christen immer auf besondere Weise mit Israel verbunden bleiben; die ihre jüdischen Wurzeln ehrt und das Gespräch mit den Jüdinnen und Juden unserer Zeit sucht. Und die sich mutig gegen jeden Antisemitismus wendet, wo immer er laut wird. Nicht weil es politisch korrekt ist, sondern weil es zu unserer Identität als Christinnen und Christen gehört.

Wie heißt es doch bei Paulus in der Bibel: "Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich" (Röm 11, 18).

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