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Wetterleuchten

Gedanken zum 9. Sonntag nach Trinitatis 2008

Pfrn. Marianne Biskamp-Dotzert

Marianne Biskamp-Dotzert
Pfarrerin für Religionsunterricht an der Herwig-Blankertz-Schule, Hofgeismar

Zum Wert des Individuums

Impressionen aus der Fußgängerzone in Kassel: Graues, nasskaltes Wetter. Menschen drängen aneinander vorbei. Ob Mann oder Frau, alt oder noch ganz jung. Erschreckend viele blasse Gesichter sind darunter. Mit teilnahmslosem, leerem Blick. Sie wirken müde, verschlossen, deprimiert, verbittert...

In seinem Roman "Veronika beschließt zu sterben" beschreibt Paulo Coelho Bitterkeit als eine Krankheit der Seele, die sich vorbereitet, wenn ein Mensch Angst vor der Realität entwickelt. Bitterkeit - eine Volkskrankheit?

Was käme zur Sprache, wenn jede und jeder einzelne erzählen würde von den Lasten ihres und seines Alltags, von verunsichernden und entmutigenden Erfahrungen im engeren Umfeld der Familie, Schule, Ausbildung und Beruf bis hin zu Ohnmachtsgefühlen und Existenzangst in Anbetracht der wirtschaftlichen sowie politischen Großwetterlage?

"Ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt!" (Mt 5, 13f)

Wie anders könnten viele von sich selbst denken und wie anders könnten sie handeln, wenn sie die Worte Jesu nicht nur mit den Ohren hören, sondern auch von Herzen glauben könnten! Wenn sie sich (wieder) von ihrem eigenen Wert, ihrer Bedeutsamkeit überzeugen ließen, wenn sie dasselbe Zutrauen in sich und ihre Fähigkeiten aufbringen würden.

Ich stelle mir vor: Manche Erstarrung löst sich und eine neue Lebendigkeit beginnt zu pulsieren. Nicht nur, dass sich die Gesichter aufhellen. Die Menschen geraten in Bewegung, werden zu wachen, aufmerksamen und kritischen Beobachtern.

Sie lassen sich nicht länger einschüchtern durch Drohgebärden jedweder Autoritäten und auch nicht zum Schweigen bringen durch den Vorwurf typisch deutscher "Larmoyance".

Sie fordern, ernst genommen zu werden mit ihren Sorgen und Ängsten, mischen sich ein und wagen zu protestieren. Unangepasst und couragiert. Mündige Bürgerinnen und Bürger. Emanzipierte Christinnen und Christen.

Da wäre etwas spürbar vom reformatorischen Geist. Ein frischer Wind käme auf, vielleicht sogar ein kräftiges Brausen. Wetterleuchten? Wir könnten es gebrauchen. Nicht nur in Kassels Fußgängerzone.

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