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Volkes Trauer

Gedanken zum Volkstrauertag 2006

Pfr. Thomas Schrader

Pfarrer Thomas Schrader
Gemeindepfarrer in Vernawahlshausen und Seelsorger in der Klinik Lippoldsberg.

Hätte ich bloß öfter nachgefragt, denke ich angesichts der vielen Berichte über Vertreibung und Flucht in der Zeitung und im Internet. Doch ich habe meine Großeltern, die aus dem Kreis Eger in der heutigen Tschechei stammten, nur selten gefragt. Sie selbst wollten auch nicht so richtig "ran an das Thema", das spürte ich als Kind und Jugendlicher.

Vielleicht mussten erst sechzig Jahre vergehen, bis offen geredet und geschrieben werden kann und Ohren zum Zuhören bereit sind. Die Generation der Flüchtlings- und Vertriebenenkinder ergreift das Wort. Deren Berichte und Bilder rücken mir an diesem Volkstrauertag "dicht auf den Pelz".

Man mag von den Gedenkfeiern auf den Friedhöfen halten, was man will und so manche Wendung der Ansprachen schrecklich formelhaft finden. Der Volkstrauertag hat seine "Funktionen": Er zwingt sperrig und unbequem zum Erinnern. Rechtlosigkeit, Leid, Gewalt, Tod, Verbrechen, Vertreibung, Scham und Schuld werden benannt. Mit einem alten Wort kann man zu alldem "Sünde" sagen.

Wenn irgendetwas die Zukunft öffnen kann und konnte, dann ist es Vergebung. Vergebung Gottes und der Menschen. Der Prophet Jeremia schreibt wieder und wieder von Schuld, Vergebung und Neuanfang. Er kauft schließlich einen Acker als Zeichen für die Zukunft (Jer. 32).

Die andere "Funktion" dieses Tages ist: Genau hinzuschauen und von dem Leid anderer gerade nicht wegzusehen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Menschen, die jetzt Recht brauchen, Heimat, Leben, Frieden. Auch unbequem ist das. Aber solidarisch: in Gedanken, im Gebet und im politischen Handeln (vgl. Matthäus 25, 31-45).

Die dritte "Funktion" dieses Tages ist, aufmerksam und wachsam zu bleiben: Für das Recht unter uns, den Frieden in unseren Familien und Nachbarschaften, den Schutz der Schwachen und genau das hoch zu achten.

Der Volkstrauertag lässt ahnen, wie wenig selbstverständlich es unter Menschen ist, dass "Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Frieden sich küssen", wie es im 85. Psalm heißt.

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