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Beim Namen gerufen

Gedanken zum 6. Sonntag nach Trinitatis 2006

Dekan i.R. Jochen Desel

Jochen Desel
Dekan i.R. im Kirchenkreis Hofgeismar

Als Junge spielte ich gern mit Nachbarskindern im Freien in der Humboldtstraße in Kassel. Das war damals noch möglich, auf der Straße Ball zu spielen. Wenn es Abend wurde, hörte ich die Stimme meiner Mutter aus dem Fenster unserer Wohnung:
"Jochen, heimkommen!"

Zunächst überhörte ich den Ruf, weil ich beim Spielen nicht gestört sein wollte. Das gemeinsame Spiel war doch zu schön. Aber bald klang es wieder: "Komm rein, es gibt Abendessen!" Irgendwann ging ich dann und wurde an der Wohnungstür mit vorwurfsvollen oder besorgten Worten empfangen. Ist es nicht schön, ein Zuhause zu haben und Eltern, die uns lieb haben und uns rufen?

Eigentlich hat jeder Mensch einen Namen und hoffentlich auch eine Heimat. Selbst Findelkinder, die keiner kennt und die nirgends hingehören, bekommen von einer Säuglingsschwester einen Vornamen und irgendwie auch einen Familiennamen.

Als ich vor Jahren einmal unseren Familienstammbaum aufstellte, stieß ich in vergangenen Generationen manchmal auf Ehefrauen, die aus anderen Orten kamen und in unsere Familie einheirateten. Ihren Namen konnte ich nicht immer eindeutig ermitteln. In solchen Fällen schrieb ich in unseren Stammbaum ein N.N. Das heißt lateinisch: Nomen nescio, zu Deutsch: den Namen kenne ich nicht. In der Familienforschung gibt es das. Menschen ohne Namen, von denen man nichts weiß.

Von Gott sagt Jesaja, dass er die Namen aller Menschen kennt. Er ruft alle beim Namen. Eine ungeheuerliche, oder soll ich sagen, völlig unglaubwürdige Vorstellung. Der Ewige soll alle Zeitlichen und Vergänglichen kennen?

Doch nicht nur im Alten Bund, nein, auch im Neuen Testament ist die Vorstellung, dass Gott jeden Menschen kennt, Grundbestandteil des Glaubens. Ich bin bei Gott keine anonyme Nummer, kein N.N. Mehr noch: er wendet sich mir zu. Er ruft mich, wie mich meine Mutter gerufen hat. Er befreit mich von Angst, er gibt mir ein Zuhause, das mir niemand wegnehmen kann.

Vielleicht will ich diesen Ruf nicht hören, aber der Rufende hört nicht auf zu rufen, weil er weiß, wir gehören zu ihm. Er hat Verantwortung für uns übernommen. Davon lässt er nicht. Damit können wir rechnen.

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