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Zeugnistag

Gedanken zum 4. Sonntag nach Trinitatis 2006

Pfr. Michael Dorhs

Pfarrer Dr. Michael Dorhs
Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar

Liebe, Leistung und Noten
Nur noch sechs Tage, dann beginnen die Schulferien. Was die einen heiß ersehnen, wird von den anderen nur mit ängstlichem Blick erwartet. Denn vor dem ungetrübten Genuss von Sommer, Sonne und Freizeit steht für Schülerinnen und Schüler wieder die Zeugnisausgabe. Für viel zu viele ein schwerer Tag.

Denn schwarz auf weiß bekommen sie nicht nur ihre Stärken und Erfolge attestiert, sondern auch, wofür es nicht gereicht hat: für eine gute Note, für die Versetzung oder - was viel tiefer geht - für die Wertschätzung, für die Liebe ihrer Eltern. Und die hängt tatsächlich manchmal an der 1 in Deutsch oder der 2 in Mathe!

Kinder spüren sehr schnell, ob sie sich nur darum sorgen müssen, dass ihr Zeugnis nicht "ansehnlich" genug sein könnte oder ob sie selbst für ihre Eltern nicht mehr "vorzeigbar" sind.

Ich war ungefähr vierzehn, als ich mir diese Frage zum ersten Mal stellte. Und da ich mir nicht sicher war, wie die Antwort meiner Eltern ausfallen würde, half ich ein bisschen nach. Der Erfolg war allerdings nur von kurzer Dauer. Spätestens als mein Klassenlehrer meine Nachkorrekturen im Zeugnis entdeckte dämmerte mir, dass auch kein noch so guter Tintenkiller aus einer 5 dauerhaft eine 3 machen kann.

Ich weiß nicht, ob ich mich in meinem Leben noch einmal so klein und beschämt gefühlt habe… Eine völlig überflüssige Erfahrung! Dass meine Noten später wieder besser wurden, hatte mit dieser Beschämung nichts zu tun. Wohl aber mit einem Lehrer, der meine innere Not verstand und mir noch einmal eine Chance gab.

Vielleicht weil er wusste, dass Kinder zuerst und vor allem die Wertschätzung und das Zutrauen der Erwachsenen brauchen, und zwar unabhängig davon, wie ihr Zeugnis aussieht. Und dass Kinder liebenswert sind, auch wenn sie die Erwartungen ihrer Eltern nicht erfüllen. Es stimmt ja: Gute Berufe verlangen gute Noten. Aber Angst vor enttäuschten Blicken oder gar Bestrafungen wecken keine Lust auf's Lernen, sie verhindern sie eher.

Deshalb, liebe Eltern: Schenken sie ihrem Kind am Freitagmittag zuerst sein Lieblingsbuch, gehen sie mit ihm schwimmen oder ins Kino. Und erst danach reden sie über das Zeugnis. Nicht, weil es pädagogisch wertvoll ist, sondern weil sie ihr Kind lieben.

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